Als ich noch zur Schule ging, haben die Jungs der Klasse für alle Mädchen am Frauentag eine Rose besorgt und sie uns geschenkt. Das habe ich nie wirklich verstanden, denn ich habe doch gar nichts dafür getan. Am Frauentag werben Parfümerien damit, dass wir es uns gut gehen lassen sollen, es gibt Rabattcodes um sich ein neues Kleid zu kaufen und fremde weiße Männer danken Frauen dafür, dass sie putzen, kochen und Kinder kriegen. Heute habe ich erst verstanden, dass der Frauentag nicht dazu da ist, Frauen zu verwöhnen, sondern aufzuschauen wie gleichberechtigt Frauen heute sind und aufmerksam zu machen.

Letztes Jahr hatte ich einen Blockkurs im Biologielabor. Wir saßen dort gemischt, Biologen und viele andere Naturwissenschaftler, die den Kurs als Wahlpflicht genommen hatten, und haben das Verhalten von Raupen beobachtet. Meine Gruppe bestand aus einer guten Freundin von mir, zwei fremden Kommilitonen und einer Hand voll Raupen. Bis auf einmal einer der Jungs sich zu schade für die Arbeit war und nach der Tutorin schnippte. Er lachte darüber wie sie es als Frau überhaupt geschafft hat eine Tutorenstelle zu bekommen. Frauen sind dazu doch zu dumm. Ich bin ein sehr ruhiger Mensch, aber ich sagte ihm, dass ihn das wohl zu einem noch dümmeren Menschen machte. Er lachte mich nur aus. Ich lebte irgendwie in dem Glauben, das hier sei eine heile Welt, und wer es schaffte an der Universität zu studieren, der würde sowas nicht denken. Das war das erste mal, dass ich mit solcher Denkweise bewusst in Berührung kam.

Aber das erste Mal? In meiner Schulklasse waren zwei Jungs, die sich darüber lustig machten, dass Frauen nur für die „drei Ks“ geschaffen wurden – Kinder, Küche, Kirche. Und alle lachten darüber. Rückblickend weiß ich nicht mehr wieso, weil wir Kinder waren und es vermutlich nicht besser wussten und nicht ernst genommen haben. Ich wusste, ich wollte studieren und hörte dort gar nicht wirklich hin. Dass es Menschen gibt, die sowas wirklich denken, das habe ich nicht mal in Betracht gezogen. Solche Situationen gibt es immer wieder, in denen man darüber lacht statt nachzudenken und es einfach nicht ernst nimmt. Aber das sollten wir und es hat nichts damit zu tun, dass man dann angeblich die Spaßbremse ist.

Was alle, die keine Lust haben sich mit dem Thema mal zu beschäftigen, falsch verstehen: Es geht nicht darum besser zu sein als die Männer, nicht darum alle Männer in höheren Postionen zu entlassen und Frauen den Job zu geben. Es geht darum, dass Frauen die gleiche Chancen haben, weil sie eben nicht kleiner, schwächer und weniger intelligent sind und vielleicht ja irgendwann mal eventuell ein Kind kriegen könnten und deshalb erstmal weniger verdienen als ihr männlicher Kollege, der genau den gleichen Job macht. Es geht darum, dass Frauen eine Wahl haben und nicht auf Klischees oder ihren Körper reduziert werden. Mädchen sollten werden dürfen, was sie wollen, sei das Prinzessin oder Räubertochter. Das eine ist nicht mehr wert als das andere, denn am meisten Wert hat die freie Wahl und die eigene Entscheidung. Emma Watson machte in dieser Woche Schlagzeilen, dass sie sich doch nicht gleichzeitig für Rechte von Frauen einsetzen kann, sich als Feministin bezeichnen kann und dann aber ihre Brüste irgendwo zeigen kann. Frauen werden oft auf ihrer Körper reduziert, das ist traurig und falsch, denn ein Mensch ist viel mehr als nur der Körper. Es geht um die Möglichkeit zu selbst zu entscheiden und Emmas Brüste haben mit dieser Diskussion nun mal gar nichts zu tun.

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Christophe Ena / AP, Protesters to the Eiffel Tower, in Paris, France.

„Frauen dürfen doch schon wählen, arbeiten und studieren. Was wollt ihr denn noch?“ Das klingt wie »Orr, da haben wir ihnen schon ein paar Rechte mehr eingeräumt und jetzt wollen sie noch mehr?« Wir wollen nicht mehr kämpfen müssen. Kämpfen klingt generell nach dem falschen Wort, denn wir marschieren nicht mit Fackeln und Mistgabeln gegen die Männer. Es sind auch nicht die Männer der „Feind“, der Feind ist diese Denkweise. Oft sagen Frauen, sie brauchen keinen Feminismus, denn sie mögen Männer. Ja, schön, ich mag Männer auch, ich lebe mit einem zusammen. Trotzdem bin ich für Feminismus, für Gleichberechtigung und Gleichstellung, und mein Mann auch.

Wenn eine Frau sich aufregt, dann wird das schnell auf PMS geschoben anstatt sich anzuhören was sie zu sagen hat. Frauen werden oft auf irgendwas reduziert. Mal ihre Gebärmutter, denn eine Frau, die keinen, zu spät oder zu früh, zu wenig oder zu viel Nachwuchs produziert. Mal auf ihren Körper, ihre Kleidung. Bei meinem letzten Jennifer Rostock Konzert in Berlin sagte Jennifer, dass wir tun sollen was wir wollen. Wenn wir Ausschnitte bis zum Bauchnabel tragen wollen, dann tun wir das. Und wenn wir einen weiten, kuschligen Rollkragenpullover tragen wollen, dann tun wir das genau so. Und wenn wir ein Kopftuch tragen möchten, dann machen wir das auch. Denn meine Kleidung ist für niemanden eine Aufforderung über mich zu urteilen, ob ich prüde oder leicht zu haben bin und schon gar keine Aufforderung mich anzufassen, selbst wenn ich nichts an hätte. Wir Frauen gegen selbst die Entscheidung wer und wie wir sein wollen. Und währenddessen sagt man aber zu kleinen Jungs, sie sollen sich nicht so anstellen wie ein Mädchen, wenn sie zögern, weinen, unsicher sind. So als ob ein Mädchen sein etwas schlechtes ist. (Vielleicht erinnert ihr euch an die Always Werbung dazu.) Deswegen sagen selbst Mädchen von sich selber oft, sie sind nicht wie andere Mädchen, denn selbst für Mädchen ist Mädchen sein etwas schlechtes.

Wir wollen nicht mehr schreien und demonstrieren müssen, damit man uns anhört. Ich weiß, dass wir hier in Deutschland schon mehr erreicht haben als andere Länder, immerhin hat es Frau Merkel geschafft Bundeskanzlerin zu werden und Sigrid Nikutta ist Chefin der Berliner BVG. Weiterhin fühle ich mich persönlich auch nicht eingeschränkt. Ich durfte immer alles so tun und lassen wie ich wollte und niemand hat mich daran hindern wollen. In meinem Leben gab es tatsächlich nie mehr als ein paar dumme Kommentare, doch die haben nicht bestimmt was ich aus mir mache. Aber weil ich nun keine Probleme habe, ist Feminismus unnötig? So ein Unsinn.

Wenn du ihr euch als Individuen nicht einschränkt fühlt, dann erhebt eure Stimme doch wenigstens für die, die es sind und glaube ihnen. Seid doch als Mann für Feminismus, als Weißer gegen Rassismus, als Hetero für die LGBTQ+ Community und als Mensch für Tierrechte. Hört zu, was man euch erzählt, seid offen, lehnt nicht alles ab und behauptet nicht einfach, dass nur weil ihr kein Problem habt, es keiner hat und damit Feminismus in der „ersten Welt“ oder sonst wo unnötig sei. Und deswegen brauche ich heute keine Rose oder einen Coupon für eine Beautybehandlung. Ich wünsche mir nur, dass man offen ist für neue Eindrücke, zuhört und glaubt. Habt ein offenes Herz, ein offenes Ohr und seid willig zu lernen; euer Leben lang.

If you stand for equality, then  you’re a feminist. Sorry to tell you, you’re a feminist. – Emma Watson