Damals als mein Freund und ich uns kennengelernt haben, wohnten wir noch über 600km voneinander entfernt. Er in Kaiserslautern, ich in Berlin. Freunde und völlig Fremde haben mich immer gefragt, wie ich das denn geschafft habe, und mir gleichzeitig erzählt, dass sie das ja nie könnten. Etwas besonderes gemacht haben wir eigentlich nie. Wir haben auch gleich getickt wenn wir nicht physisch zusammen waren, denn in Kontakt waren wir eigentlich den ganzen Tag. Die Zeit, in der wir eine Fernbeziehung geführt haben, ist mittlerweile gut anderthalb Jahre her. Da es immer noch Versuche von Zeitschriften und Fernsehen gibt die ultimativen Regeln für eine funktionierende Fernbeziehung aufzustellen, möchte ich einmal meine Erfahrungen teilen. Das alles hat sich so entwickelt, nichts haben wir wirklich geplant. Es gibt kein Geheimnis; das einzige, was stimmen muss, ist der Partner.

Eine Fernbeziehung ist auch nur eine Beziehung

Das erste, was mich immer genervt hat, waren die Zweifel ob das nun überhaupt eine Beziehung ist. „Ich hätte lieber eine richtige Beziehung.“ Meiner Meinung nach ist eine Fernbeziehung genauso „richtig“ wie eine Nahbeziehung, so dass ich den Ausdruck „Fernbeziehung“ an sich schon ein wenig überflüssig finde. Die Liebe ist echt, genauso wie der Wunsch zusammen zu sein und sein Leben zu teilen. Trotzdem muss nicht jeder eine Fernbeziehung wollen, das ist wohl klar. Nur andere schlecht machen geht gar nicht.

Sich nicht von anderen reinreden lassen

Das Wichtigste ist, dass man sich nicht von anderen erzählen lässt, wie seine Beziehung zu funktionieren hat. Eines der häufigsten Fragen, die man so im Internet liest, ist, ob man nicht Angst hat, dass der Partner fremd geht, wenn man sich so selten sieht. Ich sehe da jetzt keine größere „Gefahr“ als bei anderen Paaren. Wenn ich glaube, dass man mir fremd geht, ist es eventuell nicht der Richtige. Vertrauen ist nun mal Grundlage jeder Beziehung. Knapp danach kommt dann die Frage, ob so eine Beziehung nicht albern ist, immerhin gibt es auch hier genug Kerle. Ich allerdings habe keine Beziehung, um eine Beziehung zu haben, sondern weil ich eine Beziehung mit genau ihm haben will. Für mich geht es um Liebe und nicht nur darum, nicht einsam zu sein.

Und jetzt an alle, die denken, sie würden damit helfen – zu sagen, dass eine Fernbeziehung ja so romantisch sei, immerhin freut man sich dann mehr aufeinander, ist totaler Quatsch. Das ist nur unnötiges romantisieren und nervt die Beteiligten im allgemeinen nur unglaublich. An dem ewigen Vermissen war für mich nichts romantisches, es war nur mit viel Schmerz und Tränen verbunden und noch heute habe ich kein ganz so gutes Verhältnis zu Fernbahnhöfen.

Planung

Sicher der nervigste Punkt. Man muss immer voraus planen. Ich hatte die Rhythmen drauf, wann neue Bahntickets online kommen, wann sie am billigsten sind. Teilweise haben wir uns schon drei Monate vorher überlegt, wann wir uns sehen können, damit die Bahntickets ansatzweise bezahlbar sind. Außerdem hab ich ständig verglichen: Soll ich lieber den billigeren Fernbus nehmen? Um die Preise bei Fernbussen zu vergleichen hat mir besonders die Seite FahrtenFuchs geholfen. Aber die Fahrt ist viel länger und unbequemer. Wenn wir nur ein Wochenende hatten, fiel das schon einmal komplett raus. Immerhin wollten wir noch etwas voneinander haben und schön wenn wir Bahn gefahren sind ging der halbe Tag dafür drauf. Der nächste Flughafen bei Kaiserslautern war zu weit weg, kann für andere Regionen aber durchaus eine Alternative sein. Wenn man sich früh genug kümmert, kann ein Flugticket sogar billiger sein als die Bahn (well done, Deutsche Bahn). Außerdem lohnt sich die Überlegung, ob man sich eine BahnCard25 oder vielleicht eine BahnCard50 zulegen sollte. Wir beide hatten jeweils nur eine BC25, da die BC50 nur auf den Normalpreis anwendbar ist und sich das für uns nicht gelohnt hätte.

Am Ende muss man sich entscheiden, wie man seine Prioritäten setzt. Das gilt dafür, wie man seine Zeit nutzen möchte, aber auch dafür, wie man sein Geld benutzt. Die Fahrten sind teuer und dementsprechend muss man seine Ausgaben planen und gegebenenfalls auch sparen. Durch diese Zeit habe ich viel im Umgang mit Geld gelernt, was mir heute noch sehr hilft. Außerdem habe ich aber auch gelernt, dass man sich ruhig immer mal wieder selber was kleines gönnen kann, sonst endet das alle paar Monate in abnormalen Frustkäufen. Man muss lernen, sein Geld und seine Zeit so aufzuteilen, dass es für einen selber Sinn macht und auf gar keinen Fall sollte man auf andere hören, die einen sagen wollen, wie oft und wie lange man sich aber sehen muss.

Eine weitere Sache ist, dass man seine gemeinsame Zeit nicht überplanen sollte. Klar will man alles auf einmal machen, Essen gehen, ins Kino, am liebsten drei Dates pro Tag haben, aber eine Reise ist immer anstrengend. Genauso schön wie ein Kinobesuch kann auch ein gemütlicher Couchtag sein. Man sollte sich zu nichts zwingen, weil man denkt man müsse jetzt viel unternehmen, sondern die gemeinsame Zeit einfach nur schön gestalten und sich freuen, dass man wieder bei einander ist.

Irgendwann sollte man aber auch über die Zukunft reden und planen, wo das ganze hinführen wollte. Für uns war klar, dass wir zusammen bleiben wollen. Wie genau es dann wieder geht, ist natürlich sehr individuell. Mein Freund ist zu mir in die Region gezogen und hat die Uni dafür gewechselt und ich werde ihm für immer dafür dankbar sein. Die Fernbeziehung haben wir gut gerockt, aber es ist wohl kein Geheimnis, dass ich ihn lieber dichter bei mir habe.

Spontanität

Klingt erstmal absurd, ist aber machbar. Man sieht ein Sparangebot, hat Geld und Zeit, why not? Manchmal läuft man Gefahr zu sagen: „Aber wir haben das doch jetzt gar nicht geplant.“ Dabei sollte man es einfach mal versuchen. So war mein Freund zum Beispiel einmal spontan mit auf dem Geburtstag einer alten Schulfreundin und seinen Besuch hatten wir erst am Abend zuvor geplant. Es ist also möglich, bedingt. Auch kann man einfach mal den Besuch auf sich zu kommen lassen ohne vorher einen Plan zu machen. Zu Anfang hatte ich mir immer noch genau überlegt, was wir machen könnten, aber mit der Zeit wurde das immer weniger und am Ende haben wir dann einfach das gemacht, worauf wir eben gerade Lust hatten, von nichts bis zum Tagesausflug mit dem Auto ins Unbekannte. Spontanität greift aber auch auf andere Bereiche. So sind mein Freund und ich nicht die größten Fans vom telefonieren, aber ab und an ein spontaner Anruf hat wirklich Spaß gemacht. Auch kleine spontane Geschenke oder Briefe machen (in jeder Beziehung) große Freude.

Entwicklung von Ritualen

Eigentlich müsste es heißen Rituale entwickeln lassen. Niemand setzt sich hin und denkt sich, dass es jetzt aber cool wäre, wenn man ein Ritual hätte. Wir hatten viele kleine Angewohnheiten, um uns gegenseitig viel von unseren Leben zu zeigen. Für mich war das ziemlich normal, dass man sich einander mitteilt, und zwar wichtige Ereignisse, den Alltag und völlig unwichtige Kleinigkeiten. Besonders für den letzten Punkt haben wir uns irgendwann beide Snapchat installiert um und mehr oder weniger sinnfreie Bilder von unserem Essen, unseren Füßen oder einer roten Ampel zu schicken. Ich habe mich über jedes Bild wahnsinnig gefreut. Zusätzlich haben wir irgendwann angefangen uns jeden Tag ein Selfie von uns zu schicken, die ich alle gesammelt habe. Zuerst war es nur schön, sich jeden Tag zu sehen, aber nun ist auch unglaublich lustig zu sehen, wie jung wir noch vor einem Jahr aussahen.

Worüber man nun genau kommuniziert ist völlig egal, genau so wie die Frequenz, Hauptsache beide sind damit einverstanden. Ob man nun jedes Wochenende skypet, einmal abends telefoniert oder den ganzen Tag whatsappt (das war unsere Variante), muss jeder selbst entscheiden. Nur wenn man gar nicht miteinander redet, finde ich das fragwürdig, denn wie soll sich eine Nähe aufbauen beziehungsweise Nähe erhalten bleiben, wenn man gar nicht miteinander redet? Und dafür sollte man sich Zeit nehmen, so viel wie man will. Hauptsache, irgendwann ist Zeit. Für mich war das allerdings nie ein Zwang, sondern etwas natürliches, was sich ganz von alleine entwickelt hat.

Liebe

Wie ich schon sagte, gibt es kein Geheimnis. Für mich ging es nie darum, irgendeine Beziehung zu haben um nicht einsam zu sein, sondern darum, eine Beziehung mit ihm zu führen. Lieber habe ich eine Beziehung mit 600km Entfernung zwischen uns als gar keine; das würde ich auch immer wieder so machen.

Ich danke dir für die drei wundervollen Jahre. Auf dass noch viele weitere folgen.